aber sie fuhr dennoch zu ihm. Sie wusste im Moment sowieso nicht, was sie schreiben sollte, also tat ihr die Ablenkung ganz gut. Ihr Opa empfing sie in seinem Wohnzimmer bei Tee und Kuchen. Hübsch war er eingerichtet. Ihr Opa wusste sehr viel über die Philosophie und sein Wohnzimmer steckte voller Bücher. Er erkundigte sich nach dem Stand ihrer Magisterarbeit, als sie anfing zu weinen und ihm von ihrer Denkblockade berichtete. Opa nahm sie bei der Hand und führte sie nach oben in seine alte Dachkammer. Hier hatte er noch mehr Bücher. Sie war von dem Anblick überwältigt. Er hatte eine riesige Sammlung antiquarischer Ausgaben, eine ganze Reihe davon zu dem Thema, an dem sie gerade arbeitete. Wieso hatte Opa ihr nie etwas davon erzählt? Opa forderte sie auf, in dem bequemen Schaukelstuhl Platz zu nehmen. Sie setzte sich und fühlte sich sofort behaglich. Dann legte er ihre eine weiche Decke über und schaukelte den Stuhl ein wenig an. Anschließend gab er ihr noch ein Buch, das er heraussuchte, stellte ihr Tee und Gebäck hin und verließ den Raum. Er meinte bei Hinausgehen noch, hierin würde sie alles finden, was sie benötigte. Ulrike saß in dem Schaukelstuhl und vertiefte sich in Opas Buch. Wieso hatte sie das Buch vorher noch nicht gefunden? Sie schaukelte sanft hin und her, plötzlich schlief sie ein. Sie träumte von ihrer Arbeit, sah sich im Geiste schreiben und es floss nur so aus ihr heraus. Sanft bewegte sich der Schaukelstuhl mit ihr. Als sie erwachte, fühlte sie sich voller Energie und hatte plötzlich eine zündende Idee für ihre Arbeit. Sie lief ihrem Opa entgegen, fiel ihm um den Hals und wusste plötzlich, was zu tun war. Opa lächelte und erklärte ihr, dass er nur mit seinem Schaukelstuhl damals promovieren konnte über die politischen Ansätze Platons Philosophie. Sie stürmte nachhause, setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb die ganze Nacht durch. Wann immer sie eine Pause brauchte, besuchte sie Opa und setzte sich in seinen Schaukelstuhl. Ihre Magisterarbeit bestand sie mit Bravour und mittlerweile schreibt sie bereits an ihrer Doktorarbeit. Ihr Opa ist sehr stolz auf sie...
wenn mein Vater stirbt. Ich wollte kein Geld und nichts anderes, nur diesen Schaukelstuhl. In der Tat verstarb mein Vater vor einigen Jahren, ohne großen Reichtum zu hinterlassen. Die Mietwohnung wurde aufgelöst, die getragene Kleidung kam der Kleidersammlung zugute. Nur seinen Schaukelstuhl, den behielt ich. Jetzt wollte ich ihn selbst ausprobieren. Ich setzte mich in Vaters Schaukelstuhl, der nun meiner war, und schnell versetzte mich das Schaukeln und Wiegen in einen Zustand sanfter Entspannung. Wie ein Baby fühlte ich mich behütet und das Gefühl war angenehm. Schnell vergaß ich darüber die Zeit und ließ meinem grübelnden Verstand freien Lauf, der sich sofort die lang ersehnte Entspannung suchte. Wie ich mich da so meinen Gedanken hingab, fielen mir plötzlich die naheliegendsten Lösungen für mein Problem ein. Jetzt verstand ich, was Vater damals meinte. Ich habe tatsächlich einen Wunderstuhl. Oft sitze ich darin und schaukle hin, schaukle zurück, und wieder hin, und wieder zurück.© All rights reserved | designed by free website templates